Buchbesprechung im Tages-Anzeiger

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Blanca Imboden und Frank Baumann starten eine Kinderbuchreihe: mit viel Klamauk, ein wenig Drama – und Witzen, über die vor allem Erwachsene lachen.

Christine Lötscher

Als Johnny Depp einmal in einem Interview nach der Bedeutung seines Namens gefragt wurde, meinte er entspannt: «It means idiot in German.» Als sei es das coolste auf der Welt, Idiot zu heissen. Leider kann Johnny Janser das von sich nicht behaupten. Der Ich-Erzähler im Kinderroman «Schule ist doof 1 – Johnny Depp» von Blanca Imboden und Frank Baumann ist zwar ein begabter Musikproduzent, aber nur in den vier Wänden seines Kinderzimmers.

Seine Schulkameraden scheinen noch nie etwas von Käpt’n Jack Sparrow gehört zu haben, denn sie nennen unseren Helden Johnny Depp, weil sie ihn doof und uncool finden. Dagegen scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Was soll man auch machen, als Sohn einer cervelatprominenten Volksmusiksängerin und eines Mathelehrers? Peinlicher geht es nicht mehr. Permanent muss Johnny bei Homestorys wie ein braves Muttersöhnchen in die Kamera lächeln – die perfekte Munition für Tim Tabak, den Fiesling der Klasse. Und der absolute Abtörner für Sara Super, das It-Girl, auf das Johnny ein Auge geworfen hat.

Satirisches Handwerk

Das Vorbild für die Kinderbuchreihe «Schule ist doof» ist leicht zu erkennen: Im Ton und in der Aufmachung erinnert der erste Band an Jeff Kinneys Bestsellerserie «Gregs Tagebuch». Mit einem entscheidenden Unterschied: Während sich die Erwachsenen wundern, warum die Kinder «Gregs Tagebuch» so wahnsinnig witzig finden, ist es hier genau umgekehrt. Die Erwachsenen amüsieren sich über die Witze, während sie den Kindern je nachdem ein müdes oder irritiertes «Hä?» entlocken.

Wenn Johnny sich zum Beispiel über Sport lustig macht, sieht man keinen 12-Jährigen, sondern einen Mittvierziger mit Bauch ironisch über den Rand seiner Zeitung blicken: «Ich bin unsportlich. Und zwar aktiv und passiv. Welcher Fussballer in welcher Fussballmannschaft und in welchem Fussballstadion hinter welchem Fussball hinterherrennt, ist mir piepegal, das interessiert mich nicht die Bohne. Und ich behaupte jetzt einfach mal, wenn sie jedem Spieler einen Ball geben würden, müssten die sich weniger streiten, und es gäbe automatisch weniger Fouls. Ich meine, beim Autorennsport funktioniert das ja auch: Da hat jeder sein eigenes Auto, und alle sind zufrieden.»

Die Bestsellerautorin Blanca Imboden, bekannt geworden durch ihre humoristischen Frauenromane wie «Wandern ist doof» (2013), und der Fernsehproduzent und -moderator Frank Baumann wissen, wie man witzig erzählt. Gegen das satirische Hand- und Mundwerk des Autorenduos ist denn auch nichts einzuwenden; das Tempo ist hoch, die Witze kommen Schlag auf Schlag, und dazwischen wird es zur Erholung auch mal ein wenig melancholisch. Und dramatisch: Auf der Rückfahrt von einem Konzert im Tessin wird Johnnys Mutter entführt. Glücklicherweise von zwei blutigen Anfängern. Die Nebenwirkungen der Entführung haben sogar einen positiven Einfluss auf sein Leben, wie das bei Heldentaten so ist.

Kinder verzeihen nichts

Bei allem Witz und Klamauk: Der Geschichte fehlt eine überzeugende Erzählstimme. Kinder verzeihen keine Ungenauigkeiten und keine unlogischen Entwicklungen. Und ohne eine Figur zum Mitfiebern kann man Kinder ohnehin nicht packen. Imboden und Baumann scheinen aber so viel Spass an ihren Einfällen gehabt zu haben beim Schreiben, dass sie jederzeit ganz locker den Ton wechseln, bis wir nicht mehr wissen, mit wie vielen Johnnys wir es eigentlich zu tun haben. Einmal redet der Junge wie ein Kollege seines Vaters im Lehrerzimmer, dann plötzlich wie ein Teenie-Moderator auf einem angesagten Sender: «Sara ist ein Eye-Candy», sagt er über das Mädchen seiner Träume. Und dass sie schon Busen habe, findet er «auch positiv». Dass Jungs diesen Ton zum Angeben in der Gruppe anschlagen, würde man gerne glauben, aber ob sie ihren Tagebüchern wirklich etwas beweisen müssen?

 

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