Schule ist doof in den Medien

SID-JD-Illu-Taucher

Blanca Imboden, Du hast ja keine Kinder. Wie kommst Du dazu, ein Kinderbuch zu schreiben? Kannst Du das denn?

Stimmt, ich habe keine Kinder. Aber ich sehe das ganz genau so wie Astrid Lindgren, die meinte, er reiche völlig aus, sich an seine eigene Kindheit zu erinnern, um gute Kinderbücher schreiben zu können. Natürlich war diese Kindheit in den Sechzigern ziemlich anders, als eine Kindheit heute, aber dafür habe ich ja 12 Nichten und Neffen. Das hilft. Und mein kindliches Gemüt habe ich mir sowieso bewahrt. Dass mein Bruder Lehrer ist und meine Schwester Kindergärtnerin, war sicher auch nützlich. Ich habe mich mit Marcel Schmied getroffen, einem Sekundarlehrer, der mir von der heutigen Schule erzählte.  Dazu hatte ich Kontakt zu schreibenden Schülerinnen, wie Syra Feldhaus und Sandra Suter, die mir erklärten, was für sie ein gutes Kinderbuch ausmache.

Wie kam es überhaupt zu einem Kinderbuch?

Nun, der Vorschlag kam von meiner Verlegerin. Sie wollte mir wohl zu einem zweiten Standbein verhelfen. Aber ich war voller Zweifel: Wollte ich das? Konnte ich das? Es war gleich von einer Serie die Rede, was mich einschüchterte. Da traf ich meinen Göttibueb Stefan Zimmermann, der heute auch schon über Zwanzig ist. Er lachte mich aus. „Das ist doch ganz einfach. Da nimmst Du eine Schulklasse und in jedem Band ist einer davon die Hauptperson“, erklärte er. Er gab mir eines seiner alten Kinderbücher mit, das er besonders gut fand. Ich ging heim, las es und war begeistert. Aha! Ein Kinderbuch musste gar nicht rosarot, mädchenhaft und mit Pferden bestückt sein, es durfte frech, schräg und witzig sein, ohne Belehrungen und erhobenem Zeigefinger. Stefan hatte mich befreit. Ich fing an und schrieb drauflos. Es war ein riesen Spass.

Was war anders, als z.B. einen Roman zu schreiben?

Ich kann es nicht genau erklären, aber es war Freude pur. Ich verspürte dabei eine beglückende Leichtigkeit und eine grosse Liebe zu meinen Figuren.

Wie kam Frank Baumann dazu?

Er wurde mir als Illustrator zugeteilt. Beim Lesen meines Textes hatte er immer wieder selber gute Ideen, die mich zum Lachen brachten, die wirklich lustig und schräg waren, die mir selber nie im Leben eingefallen wären. Er schrieb immer mehr Textbausteine dazu. Als ich mal nicht weiter wusste, hatte er sofort die richtigen Ideen. So wurde ein Gemeinschaftswerk daraus.

Zum Bespiel?

Ich schrieb über einen Waldrapp. Diesen Vogel finde ich wunderschön hässlich, oder ekelhaft schön, aber ich hätte ihn nie wirklich beschreiben können, habe es also auch nicht getan. Und dann schreibt Frank zum Waldrapp, dass seine Frisur erst dort anfange, wo es fast schon zu spät dafür sei, so ganz hinten auf dem Kopf. Und wenn der Wind von hinten komme, dann sehe er aus wie Chief Raoni Metuktire (brasilianischer Kayapo-Häuptling) beim traditionellen Fest der Gürteltiere. Ich dachte: Fantasiert der jetzt, der Frank? Hat der seine Medikamente nicht genommen? Der spinnt doch total! Ich googelte den Chief Raoni Metuktire und lachte mich schlapp: Den gab es wirklich und er hatte tatsächlich so eine Frisur.

Kann man mit Frank Baumann zusammen arbeiten?

Ja, sicher. Auch Frank hat ein kindliches Gemüt. Er ist liebenswert und humorvoll und in seinem Kopf arbeitet es immer, geistern ständig neue Ideen herum. Ich habe inzwischen viel von ihm gelernt.

Zum Beispiel?

Wir hatten eine Szene, wo die Grosseltern von Johnny im Haushalt das Zepter übernehmen und er sich beschwert, wie sehr er das hasse. Dann relativiert er, dass das halt immer dann vorkomme, wenn etwas Schlimmes passiert sei, wie damals, als sein Papa einen Herzinfarkt hatte. Da sagte Frank: „Du vergibst hier eine Chance! Herzinfarkt ist langweilig. Der Papa könnte doch auch vom Baum gefallen sein, als er den entflohenen Zwergpapagei der Nachbarin retten wollte.“ Seither frage ich mich ständig, wenn ich schreibe: Habe ich hier eine Chance vergeben??? Nur manchmal sehe ich es zwar, kann es aber nicht ändern, weil mir seine schräge Fantasie fehlt.

Habt ihr schon früher zusammen gearbeitet?

Nein. Aber witzigerweise hat mal ein anonymer Beschimpfer (auch solche gibt es, wenn man Bestseller schreibt) geschrieben: Grüsse an Deinen Ghostwriter. So etwas bringt mich natürlich auf Ideen… Ich werde in Zukunft alle meine Plots mit Frank besprechen.